Die Tageszeitung Volksstimme berichtet seit gestern, 25. August in ihrer Online-Ausgabe (die Print-Zeitungs-Ausgabe folgt eventuell morgen am Mittwoch 27. August mit einem umfangreichen Artikel) folgendermaßen: "Die Neurologie im Wernigeröder Krankenhaus soll nach Quedlinburg verlagert werden, heißt es. Das Harzklinikum widerspricht. Doch Veränderungen sind nicht ausgeschlossen. Von Holger Manigk 25.08.2026, 18:15". Um maximale Transparenz zu schaffen, geben wir Ihnen hier die komplette Presseanfrage und Antwort des Harzklinikums zur Kenntnis:
HARZKLINIKUM
Dorothea Christiane Erxleben
Antwort auf Ihre Presseanfrage
Klinik für Neurologie und Stroke Unit am Standort Wernigerode
| An | Volksstimme, Holger Manigk, Redaktion |
| Datum | Donnerstag, 20. August 2026 |
"Sehr geehrter Herr Manigk,
vielen Dank für Ihre Anfrage und dafür, dass Sie uns die Gelegenheit geben, die kursierenden Gerüchte einzuordnen, bevor daraus Halbwahrheiten werden. Wir antworten Ihnen gern und – wie immer – so offen, wie es der Stand der Dinge zulässt.
Vorab ein Hinweis zum Verfahren, ohne den Ihre vier Fragen nicht seriös zu beantworten sind: Das Harzklinikum befindet sich, wie alle 44 Krankenhäuser an 53 Standorten in Sachsen-Anhalt, mitten im Antragsverfahren zur Zuweisung der neuen Leistungsgruppen (fest definierte Bündel von Behandlungen,
für die ein Standort jeweils gleiche Qualitätsvorgaben erfüllen muss). Das Land hat dieses Verfahren am 20. Juni 2025 über die digitale Plattform KLAAS eröffnet; die Zuweisung durch das Land wird Mitte November 2026 erwartet, wirksam werden die Zuweisungen ab 2027. Erst mit diesen Bescheiden steht fest, welcher unserer Standorte künftig welche Leistung erbringen und abrechnen darf. Wer in dieser Phase Standortentscheidungen verkündet, stellt sich über ein laufendes hoheitliches Verfahren. Das tun wir nicht.
- Können Sie diese Pläne bestätigen?
Nein. Einen Beschluss, die Klinik für Neurologie samt Stroke Unit (spezialisierte Überwachungsstation für Schlaganfallpatienten) von Wernigerode nach Quedlinburg zu verlagern, gibt es nicht. Es gibt kein Datum und keine entsprechende Entscheidung von Geschäftsführung oder Aufsichtsrat, also den Gremien.
Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer des Harzklinikums
„Es gibt keine Entscheidung der Gremien – weder der Geschäftsführung noch des Aufsichtsrats. Geprüft wird bei uns derzeit jede der 22 Kliniken, nicht nur die Neurologie.“
Richtig ist: Wir prüfen. Dazu verpflichtet uns das Gesetz. Im Leistungsgruppenverfahren müssen wir für 36 beantragte Leistungsgruppen nach dem KHAG (Krankenhausreformanpassungsgesetz) nachweisen, an welchem Standort die Qualitätskriterien der jeweiligen Leistungsgruppe dauerhaft und rechtssicher erfüllt werden können. Dabei gilt der Standortbezug:
Eine Leistungsgruppe darf nur dort erbracht werden, wo auch die dafür nötige Ausstattung vorgehalten wird – also an einem konkreten Krankenhausstandort. Die Neurologie und die Stroke Unit gehören zu den kardiovaskulären Leistungsgruppen (Erkrankungen von Herz und Gefäßen, zu denen auch der Schlaganfall zählt) und sind damit ebenso Teil dieser Prüfung wie die übrigen Leistungsgruppen des Hauses.
Leistungsgruppen definieren Behandlungsketten in kausalen Zusammenhängen. Sie gelten in erster Linie standortspezifisch, nicht krankenhausspezifisch, und können in Ausnahmefällen auch in Kooperation erbracht werden. Das Harzklinikum muss die gesetzlichen Anforderungen erfüllen, die den Leistungsgruppen zugrunde liegen und die bundesweit einheitlich geregelt sind. Konkretisiert werden sie in den Krankenhausgesetzen der Länder – und zwar unter Maßgabe der Krankenhausplanungsbehörde, also des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, nach gutachterlicher Empfehlung des Medizinischen Dienstes (des medizinischen Gutachterdienstes der Krankenkassen).
Werden uns die Bewilligungen nicht erteilt oder wieder entzogen, hat das erhebliche Auswirkungen auf die akutstationäre Notfallversorgung der Bevölkerung – also auf die Behandlung von Notfällen mit stationärer Aufnahme.
Dr. Thomas Bartkiewicz, Ärztlicher Direktor des Harzklinikums
„Wir reden hier nicht über Schilder an Türen, sondern über hochqualifiziertes und knappes Fachpersonal. Über teure medizintechnische Ausstattung, die rund um die Uhr einsatzbereit sein muss – Computertomograph und Kernspintomograph, eine moderne Angiographieanlage für die Katheterbehandlung verschlossener Hirngefäße, hochauflösende Ultraschall- und Echokardiographiegeräte, überwachte Intensiv- und Beatmungsplätze. Über lückenlose Dienstpläne mit fachärztlicher Besetzung in jeder einzelnen Nacht. Und über mehrere spezialisierte Fachdisziplinen, die im Notfall binnen Minuten zusammenarbeiten müssen. Genau diese Voraussetzungen prüft der Medizinische Dienst standortbezogen – für alle Leistungsgruppen und für die Qualitätsstandards des Gemeinsamen Bundesausschusses, des obersten Beschlussgremiums der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, sowie der medizinischen Zertifizierungsgesellschaften.“
- Wenn ja, wann soll der Umzug erfolgen?
Da es keinen Beschluss gibt, gibt es auch keinen Termin. Ein belastbarer Zeitpunkt für Veränderungen im Leistungsportfolio wird sich frühestens ergeben, wenn die Krankenhausplanungsbehörde über die Zuweisung der Leistungsgruppen entschieden und den Krankenhausplan des Landes Sachsen-Anhalt veröffentlicht hat. Sobald Entscheidungen getroffen sind, informieren wir in einer klar geregelten Reihenfolge: zuerst die Gremien, dann die Klinik- und Behandlungsleitungen des Hauses, anschließend Kommunen und Hilfsorganisationen sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer des Harzklinikums
„Ich verstehe, dass Menschen Klarheit wollen. Wir müssen die Bescheide des Landes abwarten. Was danach kommt, besprechen wir zuerst in unseren Gremien – und unsere Mitarbeitenden erfahren es dann von uns und nicht aus der Zeitung.“
- Was sind die genauen Gründe für den Umzug?
Auch wenn die Prämisse Ihrer Frage nicht zutrifft: Warum konzentriert das Harzklinikum überhaupt Leistungen an einzelnen Standorten? Dafür gibt es mehrere Gründe – gesetzliche, fachliche und einen, der alle Kliniken gleichermaßen betrifft: die Erreichbarkeit der Notaufnahmen durch die Rettungsdienste und die Fachkräftesituation.
Das Harzklinikum muss spezialisierte Leistungsgruppen an leistungsfähigen Standorten bündeln – bestenfalls an einem zentralen Standort, dem Zentralklinikum.
Der Grund: Die Krankenhausreform prüft und finanziert Qualitätsanforderungen nicht mehr konzern- oder krankenhausbezogen, sondern standortbezogen. Eine Verteilung knapper Fachkräfte, knapper Technik und einander ergänzender Leistungsgruppen auf mehrere Standorte gefährdet deshalb sowohl die Zuweisung der Leistungsgruppe als auch ihre Aufrechterhaltung. Wir orientieren uns strikt an unserer Medizinstrategie einer akutstationären Notfallversorgung für die Versorgungsregion West des Landes Sachsen-Anhalt und entsprechen damit den Vorgaben des Ministeriums, der Krankenhausplanungsbehörde und der Kostenträger.
Dr. Thomas Bartkiewicz, Ärztlicher Direktor des Harzklinikums
„Mindestmengen und Zeitfenster sind keine Verwaltungsvorgaben, sondern Patientenschutz. Aus diesem Grund empfehlen wir eine notfallbasierte Planung für die zeitkritischen Notfälle: Schlaganfall, Herzinfarkt und Polytrauma, also mehrfache schwere Verletzungen etwa nach einem Verkehrsunfall.
„Wir stehen heute für eine standortübergreifende, moderne Hochleistungsmedizin – für einen dezentralen Maximalversorger, ein Haus der höchsten Versorgungsstufe. Das ist gewachsene Arbeitsteilung über die Standorte hinweg, die den neuen gesetzlichen Vorgaben aber nicht mehr entspricht.“
- Wurden Mitarbeiter bereits darüber informiert? Wie viele Beschäftigte wären betroffen?
Da keine Entscheidung vorliegt, konnte über eine Entscheidung auch nicht informiert werden. Über den laufenden Leistungsgruppenprozess und seine möglichen Konsequenzen informieren wir unsere Mitarbeitenden fortlaufend – in Chefarztrunden, Bereichsleitungssitzungen und gegenüber der Mitarbeitervertretung.
Zur Größenordnung: Das Harzklinikum versorgt jährlich rund 100.000 Patientenfälle, betreibt 777 aufgestellte Betten in 22 Kliniken und acht medizinischen Zentren und beschäftigt über 2.400 Mitarbeitende, darunter 280 Ärztinnen und Ärzte. Es zählt damit zu den größten kommunalen Krankenhäusern in Sachsen-Anhalt.
Die Klinik für Neurologie am Standort Wernigerode ist eine der größten Neurologien des Landes Sachsen-Anhalt. Sie verfügt über 46 neurologische Betten und ist als regionales Schlaganfallzentrum zertifiziert. Zu ihr gehört die zertifizierte Stroke Unit mit sechs Betten, die rund um die Uhr besetzt ist. Jährlich versorgt die Klinik rund 2.200 stationäre Fälle, darunter etwa 650 Schlaganfallpatientinnen und -patienten. Nach den zuletzt veröffentlichten Strukturdaten beschäftigt sie etwa 12 Vollkräfte, also Vollzeitstellen, im ärztlichen und rund 27 Vollkräfte im pflegerischen Dienst. Ihre Qualität ist zuletzt vom Medizinischen Dienst Sachsen-Anhalt im Rahmen der Strukturprüfung zur neurologischen Komplexbehandlung – der Kontrolle, ob Personal und Technik die Vorgaben erfüllen – ohne Beanstandung bestätigt worden.
Aufgebaut hat die Klinik Chefarzt Dr. med. Frank Dömges, der sie im November 2004 übernahm und über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt hat. Er gründete 2006 die erste Stroke Unit des Hauses und führte die Klinik 2007 in modernisierte Räume. Unter seiner Leitung wurden die Thrombolyse – die medikamentöse Auflösung eines Blutgerinnsels im Hirngefäß – und die Frührehabilitation eingeführt, bei der Patientinnen und Patienten unmittelbar nach dem Schlaganfall mobilisiert werden; in dieser Zeit wurde die Klinik als regionales Schlaganfallzentrum zertifiziert.
Ebenso baute Chefarzt Dr. med. Frank Dömges die Aufklärungs- und Präventionsarbeit aus – von Schlaganfalltagen über Selbsthilfegruppen bis zur Gesundheitsbildung an Schulen.
Seit dem 1. April 2025 wird die Klinik von Chefarzt Dr. med. Tobias J. Müller geleitet, zuvor Chefarzt der Neurologie am Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg. Er studierte Humanmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und promovierte im Jahr 2000 mit summa cum laude; Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem an die University of Pennsylvania. Seine Schwerpunkte liegen in der Akutneurologie – Hirninfarkt und Hirnblutung – sowie in der Neuroimmunologie, also bei Erkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen das eigene Nervensystem richtet.
Eng verzahnt ist die Neurologie mit der Klinik für diagnostische und interventionelle Radiologie unter Chefarzt Dr. med. Robert Fiedler, Facharzt für Radiologie mit Schwerpunkt Neuroradiologie (bildgebende Diagnostik von Gehirn und Rückenmark). Dort wird die Thrombektomie durchgeführt – die Entfernung eines Blutgerinnsels aus dem Hirngefäß mit einem Katheter. Die Radiologie am Standort Wernigerode zählt zu den modernsten Einrichtungen ihrer Art in Sachsen-Anhalt.
Sollte es künftig zu Veränderungen im Leistungsportfolio kommen, gilt, was wir bei jedem bisherigen Schritt eingehalten haben: Niemand verliert deswegen seinen Arbeitsplatz im Harzklinikum. Verändern kann sich der Ort, an dem eine Leistung erbracht wird – nicht die Frage, ob wir die Menschen brauchen, die sie erbringen.
Qualifizierte Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte sind unsere knappste Ressource; sie sind das Letzte, woran ein Krankenhaus im Harz sparen würde. Veränderungen dieser Art stimmen wir mit der Mitarbeitervertretung ab und suchen mit den Betroffenen individuelle Lösungen – von der Dienstplangestaltung bis zur Frage der Fahrtwege. Zum Vergleich: Zwischen Wernigerode und Quedlinburg liegen rund 30 Kilometer, und ein erheblicher Teil unserer Beschäftigten arbeitet schon heute standortübergreifend.
Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer des Harzklinikums
„Wir suchen händeringend Fachkräfte, wir trennen uns nicht von ihnen. Wer heute bei uns arbeitet, wird auch künftig gebraucht – möglicherweise an einem anderen Standort, perspektivisch im Zentralklinikum, aber im Harzklinikum.“
Für ein Hintergrundgespräch mit unserer Geschäftsführung und unserer Ärztlichen Direktion stehen wir Ihnen gern zur Verfügung – auch, um Ihnen die Systematik der Leistungsgruppen und den Zeitplan des Landes im Detail zu erläutern.
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