Das Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben (kurz: Harzklinikum) – vor über 120 Jahren gegründet, kommunales Krankenhaus im Landkreis Harz mit drei Standorten in Quedlinburg, Wernigerode und Blankenburg und jährlich rund 100.000 Patientenfällen – hat gemeinsam mit dem Landkreis Harz eine der größten Katastrophenschutzübungen der Region durchgeführt: über 80 Fachkräfte, sechs Organisationen, acht Fachbereiche. Im Fachjargon spricht man von einem Massenanfall von Verletzten (MANV).
HINTERGRUND: Was ist ein MANV? Ein Massenanfall von Verletzten (MANV) ist ein Notfall mit einer größeren Anzahl von Verletzten, der mit der regulären Vorhaltung des Rettungsdienstes nicht bewältigt werden kann. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert einen Mass Casualty Incident als ein Ereignis, bei dem die Zahl der Patienten die vorhandenen Ressourcen übersteigt. Die Übung in Quedlinburg entsprach einer Versorgungsstufe 2 (MANV 2): 11–25 behandlungsbedürftige Personen, überörtliche Hilfe erforderlich, Aufbau Behandlungsplatz, Klinikalarmplan Stufe 2 (Teilaktivierung). Ab Stufe 3 (ab 26 Betroffene) kommen spezialisierte Einheiten und überregionale Patientenverteilung zum Einsatz; bei Stufe 4 (Katastrophe) wird zusätzlich zerstörte Infrastruktur bewältigt. Das schlimmste Szenario: ein Krieg auf deutschem oder europäischem Boden – mit Massenanfällen von Verletzten über längere Zeiträume, zerstörter Infrastruktur und überlasteten Kliniken gleichzeitig. Typische MANV-Szenarien reichen von schweren Busunfällen, Zugkollisionen und Großbränden über Massenpanik bei Großveranstaltungen bis hin zu Terroranschlägen, CBRN-Lagen (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear) und – angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa – kriegerischen Auseinandersetzungen. |
Warum diese Übung? Die Bedrohungslage hat sich verändert
Das Szenario war bewusst realistisch: ein Messerangriff auf einem belebten Flohmarkt – genauso könnte es ein schwerer Busunfall, ein Brand in einer Tiefgarage, ein Terroranschlag oder ein kriegerisches Ereignis sein. Der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024 – sechs Tote, 323 Verletzte – hat gezeigt: Kein Ort ist sicher. Hinzu kommen wachsende Kriegsgefahr in Europa, Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur und Extremwetterereignisse wie die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021 (134 Tote). Die Frage ist nicht ob, sondern wann – und ob das System dann hält.
Alarm um 8 Uhr – das Klinikum im Krisenmodus
Während ASB, Malteser, DRK und Notärzte zum fiktiven Tatort eilten, lief im Harzklinikum der Klinik-Alarm- und Einsatzplan (KAEP) an. Per Telefonrundruf wurden dienstfreie Mitarbeitende alarmiert – zahlreiche folgten freiwillig am frühen Samstagmorgen, einige sogar aus Braunschweig, Magdeburg und Leipzig, um in der Notaufnahme oder bei ihrem Rettungseinsatz zu unterstützen.
Vor dem Klinikum rollten Rettungswagen im Minutentakt an. Parallel tauchten Leichtverletzte unangemeldet zu Fuß oder mit Privatfahrzeugen in der Notaufnahme auf – ungeplant, genau wie im echten Ernstfall. Die Klinik schaltete in den Krisenmodus: Planbare Eingriffe wurden verschoben, entlassfähige Patienten vorzeitig entlassen, OP-Kapazitäten auf Notfälle umgeschaltet.
Triage nach mSTaRT: In Sekunden über Leben entscheiden
Im Zentrum der Übung stand die Triage – die Ersteinschätzung aller Patienten nach dem in Deutschland etablierten mSTaRT-System (modifiziertes Simple Triage and Rapid Treatment). Bei einem MANV muss in Sekunden entschieden werden, wer zuerst behandelt wird. Das international anerkannte Farbschema legt die Prioritäten fest:
Rot (Kategorie I): Akute, vitale Bedrohung – sofortige Behandlung erforderlich
Gelb (Kategorie II): Schwer verletzt, aber nicht unmittelbar lebensbedrohlich – dringend, aber aufschiebbar
Grün (Kategorie III): Leicht verletzt – eigenständige Fortbewegung möglich
Blau (Kategorie IV): Ohne Überlebenschance bei gegebenen Ressourcen – palliative Versorgung
Es wurde hektisch, laut – und emotional. Mindestens einer Mitarbeiterin standen angesichts der vielen Verletzten Tränen in den Augen.
Ergebnis: Stresstest bestanden
Die Initiative ging Ende 2025 vom Harzklinikum aus. Annelie Dietze, Sachgebietsleiterin Brand- und Katastrophenschutz der Kreisverwaltung Harz, plante die Übung über Wochen. Dr. Thomas Bartkiewicz, Ärztlicher Direktor, zog eine klare Bilanz: „Das Netzwerk zwischen Landkreis, Rettungsdienst und Klinikum funktioniert.“ Einzelne Schwächen – etwa bei der Versorgung mit Verbandsmaterial – wurden erkannt und pragmatisch gelöst. Genau dafür ist eine Übung da.
HINTERGRUND: Nachholbedarf bei Deutschlands Kliniken Eine bundesweite Studie der Fachzeitschrift Notfall + Rettungsmedizin (Springer, 2025; DOI: 10.1007/s10049-025-01543-2) zeigt erhebliche Lücken: Von 963 befragten Notaufnahmen verfügen nur rund 50 % über einen Dekontaminationsbereich – und nur 31 % davon mit funktionsfähigem Wasseranschluss. Während 80 % der Häuser Alarm- und Einsatzpläne für biologische Lagen haben, sind es für chemische Ereignisse nur 49 % und für radiologische Szenarien lediglich 34 %. Ausreichende Schutzausrüstung steht nur in 28 % der Notaufnahmen bereit. Das Harzklinikum setzt mit seiner proaktiven Übungsinitiative ein klares Zeichen gegen diesen Trend. |
Stimmen zur Übung
Thomas Balcerowski, Landrat des Landkreises Harz und Aufsichtsratsvorsitzender des Harzklinikums: „Der Schutz unserer Bürgerinnen und Bürger hat höchste Priorität. Spätestens seit dem Anschlag in Magdeburg wissen wir: Solche Ereignisse können auch direkt vor unserer Haustür passieren. Mein Dank gilt allen Einsatzkräften, die an diesem Samstag ihre Freizeit geopfert haben.“
Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer des Harzklinikums: „Solche Übungen sind unverzichtbar für unsere Sicherheitskultur. Sie schärfen das Bewusstsein und stärken das Vertrauen – bei unseren Mitarbeitenden ebenso wie in der Bevölkerung.“
Pamela Kühn, Leiterin Zentrum für Notfallmedizin: „Nur wenn wir die Abläufe regelmäßig unter realistischen Bedingungen trainieren, können wir im Ernstfall schnell und sicher handeln.“
Christov Sabo, Beauftragter KAEP/BCM am Harzklinikum: „Katastrophen sind selten – aber wenn sie eintreten, zählt jede Sekunde. Ohne regelmäßige Übungen fehlt die Routine.“
Verhaltenshinweise für die Bevölkerung im Ernstfall
Das Harzklinikum gibt anlassbezogen folgende Verhaltensempfehlungen (Quelle: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, BBK):
Grundsätzlich Den Anweisungen von Rettungskräften, Polizei und Feuerwehr jederzeit Folge leisten. Nicht in den Gefahrenbereich zurückkehren. Rettungswege freihalten. Notruf 112 wählen: Was ist passiert? Wo? Wie viele Verletzte? Welche Art von Verletzungen? Erste Hilfe leisten, soweit gefahrlos möglich: stabile Seitenlage, Blutungen stillen, beruhigen. |
Bei Terrorlagen / Amoklauf Flucht hat Vorrang, wenn möglich. Wenn Flucht nicht möglich: Verstecken, Türen verriegeln, sich leise verhalten. Den Notruf absetzen, wenn sicher möglich. Beim Eintreffen der Polizei: Hände zeigen, langsame Bewegungen, Anweisungen befolgen. Psychische Erste Hilfe: Betroffene ansprechen, betreuen, nicht allein lassen. Professionelle Hilfe vermitteln (Notfallseelsorge, Krisenintervention). |
Bei Bränden und Gefahrstoff-Lagen Gebäude zügig über Fluchwege verlassen. Türen schließen (nicht abschließen). In verrauchten Räumen am Boden kriechen. Nicht den Aufzug benutzen. Bei Gefahrstoffen: Windrichtung beachten, sich quer zum Wind entfernen. Gebäude aufsuchen, Fenster und Türen schließen, Lüftung abschalten. Kontaminierte Kleidung entfernen. |
Zum TikTok Video: https://www.tiktok.com/@harzklinikum/video/7627942938051349792?is_from_webapp=1&sender_device=pc&web_id=7503822482006033942
Bilder im Pressebereich: https://harzklinikum.com/pressefotos/#c12189
Über das Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben
Das Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben GmbH ist ein Krankenhaus der Schwerpunktversorgung mit drei Standorten in Quedlinburg, Wernigerode und Blankenburg. Mit rund 2.400 Mitarbeitenden – darunter 280 Ärztinnen und Ärzte und 860 Pflegefachkräfte –, 22 Fachkliniken und acht Spezialzentren versorgt es jährlich rund 100.000 Patientinnen und Patienten. Im Ernstfall wäre es mit 777 Planbetten die zentrale Anlaufstelle für alle Verletzten im Landkreis Harz. Geschäftsführer ist Dr. Matthias Voth, Aufsichtsratsvorsitzender ist Landrat Thomas Balcerowski.
und dann auf "Zum Startbildschirm hinzufügen"