Geschichte der Gesundheitsversorgung im Harz
Vom Hospital zum Harzklinikum – 800 Jahre Fürsorge, Fortschritt und Verantwortung im Harz
1. Warum der Blick zurück wichtig ist – Historische Kontinuität und bürgerschaftliches Engagement
Im Harz hat Gesundheit immer Geschichte. Die heutigen Standorte des Harzklinikums Dorothea Christiane Erxleben – Quedlinburg, Wernigerode und Blankenburg – sind keine zufälligen Orte moderner Medizin. Sie stehen auf dem Fundament eines jahrhundertealten Fürsorgesystems, das aus Glauben, Bürgersinn und Verantwortung gewachsen ist.
Schon die ersten Hospitäler des 12. Jahrhunderts waren mehr als einfache Armenhäuser. Sie waren Zeichen einer Haltung: „Der Mensch in Not darf nicht allein bleiben.“ Diese Idee verband Stift, Adel, Kirche und Bürger – sie wurde zum Herzstück der Harzer Identität.
Von den frühen Spitälern des Mittelalters über die kommunalen Krankenhäuser des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen vernetzten Gesundheitsregion Harz zieht sich ein roter Faden: gemeinschaftliche Fürsorge.
2. Frühzeit (12.–13. Jahrhundert) – Die ersten Hospitäler des Harzes
2.1 Quedlinburg als Leitbeispiel
Die ältesten Nachrichten über Hospitalgründungen in Quedlinburg reichen in das 12. Jahrhundert zurück. Bereits Rudolf Virchow erwähnt in seiner „Geschichte des Aussatzes besonders in Deutschland“ (1859, S. 46):
„… Quedlinburg, dessen Hospital vor 1170 gestiftet ist, und von dem sich das Stift S. Wiperti lossagte …“
Damit ist belegt, dass bereits vor 1170 eine karitative Einrichtung unter kirchlicher Leitung bestand, die der Versorgung von Leprösen und Armen diente. Dieses frühe Hospital stand vermutlich in enger Verbindung mit dem Stift St. Wiperti, das im Hochmittelalter eine zentrale religiöse und ökonomische Institution der Stadt war.
Parallel dazu entstanden im weiteren Harzraum ähnliche Einrichtungen, etwa das Hospital in Halberstadt, das von den Bischöfen unterstützt wurde, und das Hospital in Wernigerode, das aus adliger Mildtätigkeit hervorging.
Einleitung: Ursprung und kirchlich-soziale Rahmenbedingungen
Die Stadt Quedlinburg war bereits seit dem 10. Jahrhundert ein geistliches Zentrum des Reiches. Aus dem Damenstift, gegründet durch König Heinrich I. und Königin Mathilde, entwickelte sich eine wohlhabende, selbstverwaltete Klosterstadt, deren Äbtissinnen gleichzeitig Reichsfürstinnen waren.
In dieser Umgebung entstanden frühe karitative Einrichtungen, zunächst für Pilger und Arme, später für Kranke, Alte und Sieche. Die ältesten Belege stammen aus dem 12. Jahrhundert, als die ersten hospitia pauperum erwähnt werden.
Sie dienten der Unterbringung von Bedürftigen auf der Durchreise und standen unter Aufsicht des Stifts.
Das St.-Johannis-Hospital (12.–14. Jahrhundert)
Früheste Belege und kaiserlicher Schutz
Das St.-Johannis-Hospital ist die älteste nachweisbare Stiftung dieser Art in Quedlinburg. Bereits 1139 wird es in einer päpstlichen Urkunde (Innocenz II., 11. Dezember 1139) genannt:
“… et Johannis ecclesiam cum hospitali apud Quedlinburg…”
Der Papst nimmt das vom König Heinrich gestiftete Kloster und dessen Hospital in den Schutz des apostolischen Stuhls. Damit ist Quedlinburg einer der ältesten dokumentierten Hospitalstandorte Deutschlands.
Eine weitere kaiserliche Urkunde belegt den Reichsschutz: Kaiser Friedrich I. Barbarossa nimmt das Hospital St. Johannis in Quedlinburg mit allen seinen gegenwärtigen und zukünftigen Gütern in Schutz (Urkundenbuch Quedlinburg, 15. Mai 1173).
Kurz darauf inkorporierte Äbtissin Adelheid III. († 1184) die Einrichtung (Urkunde vom 3. März 1174).
Trägerschaft und Besitz
Das Hospital besaß Hufen in Gersdorf und bei Elbingerode, erhielt Zinsen aus Querum sowie weitere Geld- und Naturleistungen. Die Leitung lag beim Stift Quedlinburg unter Aufsicht des Bischofs von Halberstadt, der regelmäßig Schutz- und Bestätigungsbriefe ausstellte.
Finanziert wurde die Einrichtung durch Zins- und Landstiftungen, etwa durch Herzog Heinrich von Braunschweig und Konrad von Querum (Voigt 1787, S. 196).
Funktion
Das St.-Johannis-Hospital diente als Siechen- und Armenhaus, zugleich als Begräbnis- und Gebetsort. Seine Bewohner – häufig arme oder gebrechliche Menschen – erhielten Unterkunft, Kleidung und seelsorgerische Betreuung.
Das Heilig-Geist-Hospital (13.–15. Jahrhundert)
Gründung und frühe Entwicklung
Nach Bischof Meinbard von Halberstadt wurde dort 1246 eine Kapelle „zu Ehren des Heiligen Geistes“ geweiht (Voigt 1787, S. 194). Wo eine Kapelle war, pflegte man Almosen zu fordern; schließlich legte man ein Haus zur Verpflegung der Armen an.
Bereits 1301 war das Hospital vollständig eingerichtet. Ritter Ludwig von Elbingerode verkaufte eine Hufe Acker für 29 Mark Silber; bestätigt durch die Grafen von Wernigerode.
Rechtliche Stellung
Das Hospital unterstand dem Magistrat von Quedlinburg, hatte aber weiterhin kirchliche Aufsicht durch das Stift. 1326 bestätigte Bischof Albert von Halberstadt die Rechte und Einkünfte.
Besitz und wirtschaftliche Basis
Zum Vermögen gehörten:
- eine Hufe Acker zu Quarmböschen,
- Renten auf dem Moor bei Quedlinburg,
- kleinere Zinsgüter und Almosenfonds.
Aus den Erträgen wurde ein Priester unterhalten und die tägliche Armenverpflegung finanziert.
Die parallele Entwicklung im Harzraum
- Halberstadt: St.-Spiritus- und St.-Georg-Hospital (ab 13. Jh.)
- Wernigerode: St.-Georg-Hospital (14. Jh.)
- Goslar: Jakobi- und Marien-Hospitale (13.–14. Jh.)
- Stolberg: St.-Nicolai- und St.-Martini-Hospital (15. Jh.)
Sie alle dienten derselben Aufgabe: Pflege, Armenfürsorge, Unterbringung von Reisenden, medizinische Grundversorgung.
3. Spätmittelalter bis Frühe Neuzeit (14.–17. Jahrhundert)
1433 entstand das Hospital St. Annen, zunächst als Armen- und Siechenhaus. Es stand unter Leitung des Stifts, betrieben von Nonnen, und war nach der heiligen Anna benannt, Schutzpatronin der Armen, Kranken und Mütter.
Es war eines der ersten Häuser, das ganzjährig Kranke aufnahm. Im Laufe der Jahrhunderte diente es als Unterkunft für Pflegebedürftige, Pilger, Invaliden, Alte und Witwen.
4. Das 18. Jahrhundert – Vom Spital zum bürgerlichen Hospital
Die älteren Hospitäler bestanden als Stiftungen weiter; zugleich wurde die Armenpflege administrativ verdichtet. 1799 entstand der barocke Neubau des Hospitals St. Annen.
5. Die napoleonische Wende (1790–1815)
Mit den napoleonischen Reformen endete die Epoche der rein kirchlichen Armenpflege. Die Säkularisierung brachte die Hospitäler unter städtische Verwaltung, die Finanzierung wurde öffentlich.
6. 19. Jahrhundert – Vom Armenhaus zur modernen Klinik
1832 entstand das erste kommunale Krankenhaus. Statistiken belegen die zunehmende Systematisierung und Professionalisierung der Versorgung.
7. Carl Friedrich Meyer und der Neubau am Ditfurter Weg (1901–1907)
Zwischen 1901 und 1907 wurde ein neues städtisches Krankenhaus errichtet. Die Baukosten betrugen 706.000 Mark, davon 75.000 Mark aus einer privaten Stiftung.
8. Der Harz als Gesundheitslandschaft
Alle Orte des heutigen Landkreises Harz entwickelten ihre Gesundheitsstrukturen parallel und komplementär. Das heutige Harzklinikum ist die Summe dieser Traditionen.
9. Das 20. Jahrhundert – Wissenschaft, Pflege und Fortschritt
Einführung moderner Medizin, ärztlicher Ausbildung nach wissenschaftlichen Standards und Übergang von Armenpflege zur Heilbehandlung.
10. Fazit – Eine Geschichte der Verantwortung
Vom hospitali S. Johannis (1139) über das Heilig-Geist-Hospital (1246), das St.-Annen-Hospital (1433/1799), das kommunale Krankenhaus (1832) bis zum Neubau am Ditfurter Weg (1901–1907) zieht sich eine durchgehende Linie von Solidarität und Innovation.
Die Hospitäler von Quedlinburg, Halberstadt, Wernigerode und Blankenburg waren keine voneinander getrennten Einheiten, sondern Teile eines regionalen Versorgungsnetzes, das bis heute Bestand hat.
Das Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben steht somit nicht nur in einer medizinischen, sondern auch in einer ethischen Tradition: der Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen – seit fast neun Jahrhunderten.
Kontakt
Abteilung Kommunikation & Marketing
Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben
E-Mail:
kommunikation@harzklinikum.com
Zeitleiste der Hospital- und Krankenhausgeschichte im Harz
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1139 | Papst Innozenz II. erwähnt das Hospital St. Johannis in Quedlinburg. |
| 1173 | Kaiser Friedrich I. Barbarossa stellt das Hospital unter Reichsschutz. |
| 1174 | Äbtissin Adelheid inkorporiert das Hospital in das Stift Quedlinburg. |
| 1246 | Weihe der Heilig-Geist-Kapelle durch Bischof Meinbard (Halberstadt). |
| 1301 | Ritter Ludwig von Elbingerode und Grafen von Wernigerode bestätigen Landbesitz. |
| 1433 | Gründung des St.-Annen-Hospitals als Armen- und Siechenhaus. |
| 1760 | Äbtissin Sophie Albertine von Schweden gründet eine Versorgungsanstalt. |
| 1799 | Neubau des Hospitals St. Annen im spätbarocken Stil. |
| 1812–1815 | Nutzung als Lazarett in den Napoleonischen Kriegen. |
| 1832 | Erstes kommunales Krankenhaus am Münzenberg. |
| 1864–1869 | Statistische Erfassung der Hospitäler; 60 stationär versorgte Personen. |
| 1901–1907 | Bau des neuen Krankenhauses am Ditfurter Weg (706.000 Mark). |
| 1904 | Tod des Mäzens Carl Friedrich Meyer. |
| 1945–1990 | Ausbau der Kliniken in Wernigerode, Quedlinburg, Blankenburg. |
| 2007 | Zusammenschluss zum Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben. |
Tabellenanhang – Übersicht der historischen Hospitäler
Gesamtübersicht der Hospitäler in Quedlinburg und im Harzraum (12.–19. Jahrhundert)
| Nr. | Name des Hospitals | Ort / Lage | Erstbeleg | Trägerschaft | Wichtige Stifter / Urkundengeber | Besitzungen / Einkünfte | Hauptfunktion / Bedeutung |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | St.-Johannis-Hospital | Quedlinburg (Neustadt, Nähe Münzenberg / Johanniskirche) | < 1173 | Stift Quedlinburg, Äbtissin, Bischof von Halberstadt | Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1173); Äbtissin Adelheid (1174); Bischof Gero von Halberstadt | Hufen in Gersdorf, Zinsen aus Querum u. Elbingerode | Frühestes Armen- und Siechenhaus im Harz; Reichs- und Stiftsschutz |
| 2 | Heilig-Geist-Hospital | Quedlinburg (Nordost-Stadtmauer / Mühlgraben) | 1246–1301 | Stift Quedlinburg, Bischof, Magistrat | Bischof Meinbard; Ritter Ludwig von Elbingerode; Grafen von Wernigerode | 1 Hufe Quarmböschen, Zinsen, Almosenfonds | Armen-, Pilger- und Krankenhospital mit Kapelle |
| 3 | Hospital Sanct Annen | Quedlinburg, Zwischen den Städten | 1433 / 1799 | Kommunal-kirchliche Stiftung | Magistrat Quedlinburg, Bürgerstiftungen | Zusammengelegte Stiftungs- und Armenmittel | Siechenhaus; 50–70 Pflegeplätze; später Armen- und Pflegehaus |
| 4 | Hospital zum Totenhof | Quedlinburg (alter Friedhof) | vor 1830 | Städtische Armenverwaltung | Städtische Wohltäter | Grund- und Zinseinnahmen | Hospiz für Obdachlose und Sterbende |
| 5 | Marienstift-Hospital | Quedlinburg (Breite Straße) | 1730 | Bürgerlich-kirchliche Stiftung | Martin Bethge; Kaufleute Lebon und Meyer | ≈ 2.000 Thaler, Spenden | Wohn- und Pflegehaus für bürgerliche Frauen |
| 6 | Hospital zur Blasianskirche | Quedlinburg (Altstadt) | vor 1800 | Pfarrkirche St. Blasii / Stadt | Kirchliche Stiftungen | Kirchenvermögen, Almosen | Armenpflege für Witwen und Dienstboten |
| 7 | St. Georg-Hospital | Halberstadt | 1236 | Domkapitel / Stadt | Bischof Volrad von Halberstadt | Grund- und Zinsbesitz | Armen- und Krankenpflege; ca. 60 Betten |
| 8 | St. Spiritus-Hospital | Halberstadt (Nordvorstadt) | 13. Jh. | Domkapitel / Stadt | Bischöfe und Ratsfamilien | Grundrenten, Stiftungen | Leprosenhaus; Pflegeheim |
| 9 | St. Georg-Hospital | Wernigerode | 14. Jh. | Grafen von Wernigerode | Graf Albrecht von Wernigerode | Hufen, Zinsen | Pflegehaus für Kranke und Alte |
| 10 | St. Jakobi / St. Marien-Hospital | Goslar | 13.–14. Jh. | Rat zu Goslar | Stadträte und Zünfte | Grundbesitz, Bürgerspenden | Leprosen- und Armenhaus; später Altersheim |
| 11 | St. Nicolai- / St. Martini-Hospital | Stolberg (Harz) | 15. Jh. | Grafen von Stolberg | Graf Heinrich von Stolberg | Stiftungsvermögen | Armenpflege und Krankenversorgung mit Kapelle |
Legende / Belegstatus
✅ gesichert (Scans / Originale)
🟩 wahrscheinlich belegt, Original derzeit nicht digital verfügbar
⚪ fachlich rekonstruiert / geschätzt
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